Dramatische Appelle aus Ramallah

Palästinensische Intellektuelle und Einwohner besetzter Stadt: »Verschwörung des Schweigens brechen«

Jürgen Heiser, junge Welt vom 02.04.2002
 
Vor dem Hintergrund eines verschärften militärischen Vorgehens der israelischen Besatzungsarmee in den palästinensischen Gebieten, Mobilisierung von Tausenden Reservisten und unverhüllter Drohungen des israelischen Premierministers Ariel Scharon gegen den als »Feind der freien Welt« denunzierten Yassir Arafat haben sich am Osterwochenende palästinensische Intellektuelle an die Öffentlichkeit gewandt.

In der Erklärung heißt es: »Wir rufen alle, die sich für Frieden und Gerechtigkeit einsetzen und es wagen, den Mächtigen die Wahrheit ins Gesicht zu sagen, dazu auf: 1. Erhebt eure Stimme und brecht die Verschwörung des Schweigens unter den Regierungen, die es Israel, das die unbegrenzte und bedingungslose Unterstützung der USA genießt, erlaubt, ungestraft Kriegsverbrechen und andere Verletzungen des internationalen humanitären Völkerrechts zu begehen.

2. Fordert durch deutlichen, energischen und öffentlichen Protest in Form von Demonstrationen, Medienkampagnen und anderen friedlichen Aktionen von Regierungen und internationalen Organisationen einen sofortigen und wirksamen Schutz für die palästinensische Zivilbevölkerung in den besetzten Gebieten.

3. Fordert von den Regierungen, die Militärhilfe an Israel einzustellen, wirtschaftliche Beziehungen zu suspendieren und die Verfolgung von Kriegsverbrechern zu unterstützen und andere Staaten aufzufordern, es ebenfalls zu tun.

4. Setzt eure Aktivitäten fort und intensiviert sie als Teil einer nachhaltigen und systematischen Kampagne für ein Ende der Besatzung, der Apartheid, ethnischer Säuberungen und Kriegsverbrechen in den besetzten Gebieten und zur Unterstützung der legitimen Rechte und Bestrebungen des palästinensischen Volkes.«

Und weiter: »Es ist jetzt die Zeit für sofortige und direkte Aktionen, weil das Muster der eskalierenden Unterdrückung und Brutalität, das wir während der letzten achtzehn Monate erfahren mußten, sich unaufhaltsam auf eine Katastrophe zubewegt, deren Konsequenzen wir nur ahnen können. In dieser dunklen Stunde des Leidens und des entschlossenen Widerstandes sind wir sicher, daß uns das Schlimmste noch bevorsteht, aber wir sind gleichzeitig auch sicher, daß mit der Unterstützung der zivilen Weltgesellschaft in dieser entschiedenden Zeit Frieden und Gerechtigkeit obsiegen werden.«

Unterzeichnet ist der Aufruf von Heydar Abdel-Shafi, Hanan Ashrawi, Mustafa Barghouti, Azmi Bishara, Eyad Sarraj sowie Rana Nashashibi, Khader Shkirat und Raji Sourani. Die Unterzeichner wenden sich in ihrem international verbreiteten Aufruf insbesondere an Menschenrechtsorganisationen, Solidaritätsgruppen und Einzelpersonen, die zu sofortiger öffentlicher Intervention in der Lage sind. Die erneute Besetzung Ramallahs, die viele Tote und Verwundete vor allem unter der Zivilbevölkerung fordert, ist nur vordergründig eine Antwort auf Selbstmordattentate, sie zielt auf die völlige Zerstörung der Strukturen und Einrichtungen der palästinensischen Selbstverwaltung. Ministerpräsident Scharon verwirklicht nun unter dem Schutzschild des von US-Präsident Bush ausgerufenen »Krieges gegen den internationalen Terrorismus« die jahrelang gehegten Pläne zur endgültigen Vernichtung der palästinensischen Führung. Während Arafat sich nach monatelangem Hausarrest nun endgültig in Geiselhaft der israelischen Armee befindet, sickern Meldungen durch über Erschießung von Gefangenen, Verweigerung medizinischer Hilfe für Verwundete und ein beständiges Feuer der israelischen Armee auf alles, was sich bewegt. Der Palästinensische Rote Halbmond und Helfer des Internationalen Komitees des Roten Kreuzes (IKRK) werden davon abgehalten, der Zivilbevölkerung beizustehen, während sich Einheiten der Armee systematisch in Privathäusern einquartieren, Gefechtspositionen ausbauen und Bewohner der Häuser in benachbarten Räumen zusammentreiben.

Nach letzten Meldungen hat die israelische Armee Ramallah zur »geschlossenen Kriegszone« erklärt und läßt keine Journalisten mehr in die von ihr kontrollierten Gebiete, Bethlehem wurde durch Panzereinheiten besetzt.

Einwohner von Ramallah haben sich in einem weiteren Appell an die Weltöffentlichkeit gewandt: »Wir, die belagerten Bewohner von Ramallah, rufen alle bewußten Menschen überall auf der Welt zur sofortigen Mobilisierung auf. Wir ersuchen um Bewegungsfreiheit innerhalb der Stadt und Zugang von außen. Wir ersuchen um Lieferung von Nahrung, medizinischer Hilfsmittel und Zugang zu medizinischer Versorgung, Elektrizität, Wasser, Telefonverbindungen und zu anderen lebensnotwendigen Einrichtungen. Wir ersuchen um freien Zugang von humanitären Hilfsorganisationen, einschließlich des IKRK, zu allen Festgenommenen, Gefangenen und Geiseln, einschließlich des palästinensischen Präsidenten Yassir Arafat, um ihr Wohlergehen zu sichern. Wir fordern ein sofortiges Ende der Belagerung. Diese Erklärung wurde von Einwohnern Ramallahs verfaßt, die aus Palästina, Jordanien, aber auch aus den USA, England, Kanada, Australien und anderen Ländern stammen.«

 
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