| junge Welt vom 03.04.2002 |
Ausharren in Ramallah |
Palästinenserstadt von israelischer Armee besetzt. Bewohner ohne Strom und Wasser |
| Peter Schäfer |
| Um drei Uhr morgens ist die Nacht vorbei. Ein Kampfhubschrauber kreist über dem Zentrum des seit Freitag wiederbesetzten Ramallah. Etwa eine Stunde lang beschießt er mit seiner Bordkanone verschiedene Gebäude. Er kommt näher, fliegt wieder weg und schießt fast ohne Unterbrechung. Wir sitzen im Dunkeln in der Küche, die wir als sichersten Raum im Haus einschätzen. Seit Tagen wagen sich die palästinensischen Bewohner nicht mehr auf die Straße. Unklar ist also, worauf geschossen wird. Gleichzeitig fällt der Strom aus. Aber um vier Uhr entfernen sich die bedrohlichen Geräusche. Aufatmen und versuchen, erneut ein wenig Schlaf zu finden.
Eine Stunde später kommt der Helikopter wieder, aber sein Angriff scheint sich dieses Mal auf eine bestimmte Stelle im Zentrum zu konzentrieren. Zuerst eine Viertelstunde Bordkanonenfeuer, dann mehrere große Explosionen in sehr schneller Folge. Wahrscheinlich Panzer. Unser Haus im Zentrum erzittert unter den Druckwellen. Wir öffnen schnell die Fenster, damit sie nicht brechen. Der Dauerbeschuß geht weiter, auch noch jetzt, um sieben Uhr früh. Allerdings haben wir seit sechs Uhr wieder Strom. Im Radio wird berichtet, daß der Angriff dem Hauptquartier des palästinensischen Geheimdienstes gilt. Israel forderte deren Kommandeur, Dschibril Radschub, am Sonnabend auf, sich mitsamt den darin vermuteten 400 Beamten zu ergeben. Wenn nicht, werde bombardiert. Dies passiert nun, nach Radioangaben, mit Raketen und Panzergranaten. Der Geheimdienstkomplex ist riesig und mit einer Klinik, einem Kinderhort und Unterkünften für die Familien der Polizisten eine eigene kleine Ortschaft. Klar ist nun aber auch, daß die israelischen Geschosse mehr als zwei Kilometer vom Zentrum Ramallahs entfernt einschlagen. Der Gebäudekomplex befindet sich in Beitunia, einer südlichen Vorstadt. Die Wucht der Explosionen ist allerdings größer, als die in den letzten Monaten auf Ramallah abgeworfenen Bomben. Selbst die Detonation der Raketen in der nur hundert Meter vom Haus entfernten Polizeistation war weniger zu spüren. Im Augenblick findet ein Gemetzel statt. Die Radionachrichten können derzeit nur melden, daß die Bombardierungen andauern. Dann wird berichtet, daß in einem der Gebäude in der Hauptstraße zwei Tote gefunden wurden, einer davon körperbehindert. Sie weisen beide Kopfschüsse auf. Das erzählt Walid al-Omari, der Korrespondent des arabischen Satellitensenders Al-Dschasira. Seitdem fast alle palästinensischen Radio- und Fernsehstationen nacheinander von den israelischen Soldaten besetzt wurden, sind Radio Al-Manara und zwei kleine TV-Sender die einzigen verbleibenden Informationsquellen. Sie alle greifen auf Al-Dschasira zurück und speisen das Programm in ihr Netz ein. Bei Radio Al-Manara wird das Programm seit Freitag von einem einzigen Techniker aufrecht erhalten, der im Studio eingeschlossen ist. Zwischen den Nachrichten spielt er klassische Musik und versorgt seine Zuhörer mit Informationen. Er gibt Telefonnummern von Hilfs- und Menschenrechtsorganisationen durch und stellt damit alleine noch die notwendige Infrastruktur zur Organisierung von Medizin- und Lebensmittellieferungen des Roten Kreuzes und anderer Helfer. Leider dürfen sich diese seit Sonntag nur noch selten im Stadtgebiet bewegen. Mehrere Krankenwagen weisen Einschüsse auf. Verletzte und Kranke können, wenn überhaupt, nur mit großem Zeitverlust versorgt werden. Dazu kommt, daß mehrere Brände ungelöscht bleiben. Als am Sonntag nach Panzerbeschuß Flammen aus einem der Nachbargebäude schlagen, rufen wir die Feuerwehr. »Es tut mir leid«, so der Beamte am Telefon, »aber unsere Leute wurden zuerst beschossen. Jetzt ist die Ausfahrt unserer Wache von Panzern blockiert.« Jetzt, um halb acht Uhr morgens, meldet sich ein Bewohner eines Wohngebäudes neben dem derzeit bombardierten Polizeikomplex per Telefon. »Wir sind hier seit Sonntag mit sechzig Leuten in einer Wohnung eingesperrt. Zwei von uns sind bewußtlos. Wir haben nur noch wenig zu essen. Zwanzig Kinder sind unter uns.« Er berichtet hektisch von den enormen Erschütterungen nebenan. »Vielleicht sterben wir jetzt alle.« Seit Sonntag hat sich die Unsicherheit der Bewohner Ramallahs vergrößert. Die Aufforderung der israelischen Regierung an alle »Ausländer und Journalisten, den militärischen Sperrbezirk (Ramallah) zu verlassen«, schürt Angst. »Wenn die Ausländer weg sind, dann werden die letzten Hemmungen der Soldaten fallen«, befürchtet Lina Fuad, die im Zentrum Ramallahs wohnt. Am Wochenende hat die 56jährige sich aus dem Fenster heraus mit einem Nachbarn unterhalten. Plötzlich knallte ein Schuß, und der Mann brach zusammen. Mit einer blutenden Wunde am Bein lag er eine Stunde lang vor seinem Haus, bis Sanitäter zu ihm vordringen konnten. Die Helfer sahen allerdings aus, als hätten sie selbst Hilfe nötig. Abgekämpft und müde verrichteten sie Arbeit. »Wir sind seit über zwei Tagen im Einsatz«, erklärt einer, »lange kann ich das nicht mehr.« Wenig später tritt ein weiterer Bewohner dieses Hauses ins Freie, obwohl die etwaige Position des israelischen Heckenschützen nun bekannt ist. Er wird in den Bauch getroffen. Währenddessen sind weitere Explosionen aus Richtung Beitunia zu hören. Der Sprecher von Radio Al-Manara berichtet um zehn Uhr, daß fünf Krankenwagen des palästinensischen Roten Halbmondes am beschossenen Komplex eingetroffen sind. Alles stehe in Flammen, mehrere Gebäude seien bereits total zerstört. Die Zahl der Toten und Verletzten sei noch nicht einzuschätzen. Die Lage im Hauptquartier von Yassir Arafat wird unterdessen immer unsicherer. Einige internationale Friedensaktivisten konnten zum palästinensischen Präsidenten vordringen, unter ihnen auch zwei Deutsche, Sophia und Julia Deeg. Neta Golan ist auch dort. Die israelische Friedensaktivistin aus Tel Aviv wohnt seit Beginn des palästinensischen Aufstandes gegen die Besatzung in Ramallah und befindet sich seit Montag abend bei Arafat. »Wir haben kaum Wasser und Lebensmittel«, sagte sie, »aber wir werden dieses Gebäude nicht unter Zwang und nur als freie Menschen verlassen.« Im Hintergrund waren Explosionen zu hören. »Das sind nur Knallgranaten«, erklärte Golan, »damit und mit ihren Lautsprecherdurchsagen wollen sie uns einschüchtern. Mit mir hier sind Mitglieder von Solidaritätsgruppen aus Italien, Frankreich, den USA und anderen Ländern. Einige von uns sind Juden. Wir sind hierher gekommen als menschliche Schutzschilde. Die (israelische) Regierung soll wissen, daß hier Menschen sind, unter anderen eine Israeli aus Tel Aviv, die sich ihren Soldaten unbewaffnet in den Weg stellen werden.« (Siehe auch Interview mit Sophia Deeg) |
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