Neta Golan
Mohammeds Mörder
Bericht einer israelischen Friedensaktivistin über die Praxis der Besatzungsarmee (*)
junge Welt vom 16.01.2002
 
Ich hatte den Tag mit den Dorfbewohnern von Dir Istiya verbracht. Wir hatten Bäume auf dem Land gepflanzt, auf das die Siedler von Yakir schon lange ein begehrliches Auge geworfen haben. Ich war gerade auf dem Weg nach Hause, als mich zwei Soldaten erkannten und mich auf hebräisch fragten: »Neta, wie geht es Ihnen?« Für sie war ich eine Kuriosität. »Du glaubst nicht, mit wem wir gerade sprechen«, sagte einer der beiden in sein Mobiltelefon, »mit Neta von ›Frieden Jetzt‹«. Ich bin zwar nicht in dieser Friedensorganisation, aber anscheinend konnten sie sich nicht vorstellen, daß es noch etwas links von »Frieden jetzt« gibt.

Wir unterhielten uns. Bis auf einmal einer der Soldaten sagte: »Wenn ich einen Terroristen sehe, wie er in seinem eigenen Blut auf dem Boden liegt, dann gibt mir das richtig Appetit.« Er zögerte, bevor er fortfuhr. Offensichtlich wollte er mir etwas mitteilen, auf das er stolz war.

»Vor einiger Zeit wollte in Hares jemand einen riesigen Felsbrocken auf mich werfen. Weißt du, was ich getan habe?«, fragte er mich.

»Du hast ihn erschossen.«

»Genau«, sagte er und lächelte selbstzufrieden.

Ich kenne die zwei Kinder und den jungen Mann und Vater, die im Laufe der letzten 15 Monate von israelischen Soldaten in dem palästinensischen Dorf ermordet wurden. Deshalb fragte ich ihn, an welchem Tag das passiert war? Nach seiner Antwort wurde mir auf einmal klar, daß der Soldat, der da vor mir stand, der Mörder meines Freundes Mohammed Daud war.

»Laß mich erklären, wen du da umgebracht hast«, sagte ich.

»Das interessiert mich nicht die Bohne.«

»Ich weiß, daß dir das egal ist, aber ich will, daß du trotzdem weißt, wen du da umgebracht hast. Sein Name war Mohammed Daud. Er war 15 Jahre alt und geistig zurückgeblieben. Und ich hatte ihn sehr, sehr lieb.«

Ich erzählte ihm alles, was mir über Mohamed und seine Familie einfiel. Er wollte nichts davon wissen. »Ich weiß, wo er gestanden hatte«, sagte ich. »Ich habe sein Blut auf dem Boden gesehen. Von da, wo er gestanden hat, kann er dich unmöglich mit einem Stein getroffen haben. Das war viel zu weit weg. Und schon gar nicht mit einem schweren Felsbrocken.«

»Du warst nicht dabei«. Er schrie mich jetzt an.

»Okay. Aber du warst dabei. Also, dann erzähl mir, wie es war. Wie weit, denkst du, hat er diesen Felsbrocken werfen können? Drei Meter? Zehn Meter? Selbst wenn wir annehmen, daß es menschenmöglich ist, den Brocken 100 Meter weit zu werfen, kann er Dich nicht getroffen haben. Du hast über 300 Meter von ihm weg gestanden.«

»Du warst nicht dabei«

»Das stimmt, ich war nicht dabei. Aber du warst da. Deshalb erkläre mir doch bitte, wie weit du von ihm entfernt warst, als du ihn ermordet hast?«

Er versuchte immer wieder, mich zu stoppen. Das war alles, was ich tun konnte. Und die Tatsache, daß er mich stoppen wollte, war der einzige Hinweis darauf, daß irgendwo, tief im Inneren dieses jungen Mannes vielleicht doch noch ein Stück Menschlichkeit vorhanden war.

Das Treffen mit seinem Mörder öffnete wieder die Wunde, die der Verlust meines Freundes hinterlassen hatte, eine Wunde, die nie heilen würde. Mir wurde klar, wenn überhaupt ein Mensch böse war, dann war es dieser Soldat, mit dem ich gerade gesprochen hatte. Aber auch er war nur ein Junge, ein dummer, unwissender Junge, dem man nie die Macht über Leben und Tod hätte geben dürfen.

Er hätte niemals seinen Fuß in irgendein palästinensisches Dorf setzen, hätte nie ein Gewehr in die Hand gedrückt bekommen dürfen. Aber junge Soldaten, von denen viele so sind, wie Mohammeds Mörder, kontrollieren jeden Aspekt des Lebens der Palästinensern in den besetzten Gebieten. Das kann und darf nicht so weiter gehen. Um dieses Unrecht zu stoppen, brauchen wir Hilfe.

Helft uns!

(*) Nachdruck mit freundlicher Genehmigung von Media Monitors. Übersetzung aus dem Englischen: Rainer Rupp. Kontakt: neta_golan@hotmail.com

 
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Ausdruck erstellt am 16.01.2002 um 22:18:18 Uhr
 
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