Sie haben die Schlacht um Dschenin überlebt, nun suchen die Flüchtlinge wieder einmal einen Unterschlupf
Von Inge Günther (Jerusalem)
Frankfurter Rundschau vom 13.04.2002
Es ist eine düstere Versammlung, die den Tag lang rund um die Dorfmoschee in Romana ausharrt. Den Blick gesenkt stehen hunderte palästinensische Männer dort beieinander, nicht viele Worte wechselnd. Die bitteren Erlebnisse, die sie hinter sich haben, ähneln einander zu sehr, als dass sie immer wieder darüber reden könnten. Und die Zukunft, die sie erwartet, ist ungewiss. Die meisten von ihnen wissen nicht einmal, wohin es ihre Frauen und Kinder verschlagen hat. Die männlichen Flüchtlinge aus dem Lager Dschenin wurden, als sie sich den israelischen Soldaten ergaben, von ihren Familien getrennt. So verbringen sie die Zeit mit Warten, das Ohr halb auf den Lautsprecher gerichtet, aus dem sonst der Muezzin zum Gebet ruft. Jetzt wirft er alle paar Minuten Namen von Vermissten und Gestrandeten aus.
Allmählich bekommen auch ihre Schicksale einen Namen. Tagelang hat man nur seitens der Armee oder aus dritter Hand etwas über die "Schlacht um Dschenin" erfahren, diesen bislang blutigsten Höhepunkt der Militäroffensive "Schutzwall", deren Opfer noch nicht gezählt sind. Fest steht nur, dass über zwanzig israelische Soldaten dort ihr Leben ließen. Auf mindestens zehnmal so hoch wird die Zahl der palästinensischen Toten geschätzt, Kämpfer und Zivilisten zusammengerechnet.
Doch nun sprechen jene, die das Maschinengewehrfeuer, den Panzerbeschuss, die Luftangriffe auf das Flüchtlingscamp überlebten: Abdullah Wuscha, 23 Jahre alt, der weder seinem verblutenden Bruder helfen noch die Leiche seiner Mutter bergen konnte. Der Bauarbeiter Mohammed Subhi, der tagelang mit 400 anderen Palästinensern im umkämpften Zentrum des Lagers festsaß. Oder auch Omar Howaschin, 41 Jahre, dessen 13-jähriger Sohn auf dem Weg ins Krankenhaus erschossen wurde.
Sie alle sind mit über 400 anderen Palästinensern in Romana gestrandet, das ein paar Kilometer von Dschenin entfernt liegt. Weitere 160 wurden auf die Nachbardörfer Taibeh und Sbuda verteilt, nachdem die israelischen Truppen sie in dieser Woche sukzessive aus dem provisorischen Haftlager an der Militärbasis Salim freiließen. Die meisten von ihnen trugen nur noch Unterwäsche auf dem Leib, als sie Romana, die nächstgelegene Anlaufstelle, erreichten. Der 42-jährige Dschahia Salia zieht ein Polaroid-Foto hervor, das ihn bei seiner Ankunft zeigt: bibbernd, eine Decke um die nackten Schultern geworfen.
Es hat nicht lange gedauert, bis die erste Hilfswelle anrollte. Arabische Israelis aus Galiläa haben für die Deportierten Kleider gesammelt. Über eine halsbrecherische Wegstrecke durch die Felder, die man eigentlich nur zu Fuß bewältigen kann, verfrachten beherzte Fahrer in Kleinlastern auch Mehl und Reis nach Romana. "Alle in Frage kommenden Organisationen halten eine Menge an Versorgungsmitteln bereit", sagt der UN-Koordinator Michael Keaton. "Das Problem ist nur, sie zu den Bedürftigen zu bringen."
Vor allem mit den Transporten zu den Eingeschlossenen in Dschenin hapert es noch immer. Keaton bleibt nicht anderes übrig, als geduldig mit israelischen Kommandanten am Militärstützpunkt Salim über Fahrtgenehmigungen zu verhandeln.
Abdullah Wuscha hängt weit schwereren Gedanken nach. Zwei Tage hat es gebraucht, bis er nach seinem Eintreffen in Romana über die durchgemachte Hölle reden konnte. Nur stockend, die Hände zwischen die Beine gepresst, beginnt er seinen Bericht über jene Tage unter Beschuss im Flüchtlingslager von Dschenin, denen drei weitere nicht enden wollende Tage und Nächte in Militärhaft folgten. Als das Bombardement anfing, war seine Familie noch vollständig. Starr vor Angst kauerten acht Geschwister und die Eltern in ihrer Wohnung am Rande des Camps, bis schließlich eine Maschinengewehrsalve durch ein Fenster schlug und den 17-jährigen Bruder Munir an der Schulter schwer verletzte. Munir hatte sich zu dem Zeitpunkt in einer Kammer im Anbau aufgehalten, der nur über einen in der Schusszone liegenden Hof zu betreten war. Unerreichbar für die Familie nebenan. "Über ein Rohr in der Mauer sprachen wir mit ihm. Er sagte, ,weint nicht um mich, ich bin okay'." Das war Donnerstag vor einer Woche, nachmittags um 14 Uhr.
Die verzweifelten Versuche der Familie, eine Ambulanz zu bestellen, scheiterten. Die Stimme des Verletzten wurde immer leiser. Zehn Stunden später war sie nicht mehr zu vernehmen. "Irgendwann nach 22 Uhr muss Munir gestorben sein", glaubt sein Bruder Abdullah und fügt hinzu: "Munir hat sein Leben lang keine Waffe in den Händen gehalten. Er hat immer nur Bücher studiert und durfte wegen seines Talents zweimal zu Kursen ins Ausland."
Am nächsten Tag wurden die Kämpfe zwischen palästinensischen Milizen und israelischen Soldaten noch heftiger. Am Samstag dann hielt die Mutter die Ungewissheit nicht mehr aus. Während einer Gefechtspause wollte sie zu ihrem toten Sohn. Doch kaum auf den Hof getreten, traf sie ein Kopfschuss. "Ich versuchte, den Israelis zu bedeuten, dass wir unsere Mutter bergen wollten", setzt Abdullah seine Geschichte fort. "Die Soldaten forderten uns auf, zunächst mit erhobenen Händen aus dem Haus zu treten und uns auszuziehen." Die Wuschas folgten der Order, vom 50-jährigen Vater bis zum Jüngsten der Familie, dem zehnjährigen Mohammed. "Sie brachten uns in einen Wald, dann zu dem Salim-Checkpoint. Auf dem Weg dorthin wurden ich und mein älterer Bruder vom Rest der Familie getrennt. Die Soldaten schlugen mich, als sie meinen Ausweis sahen."
Einer der Uniformierten hatte zuvor auf das Papier mit einem Filzschreiber "Terrorist" geschrieben und dahinter ein Fragezeichen gesetzt. Abdullahs Alter von 23 Jahren langte offenbar für den Anfangsverdacht, dass es sich in seinem Fall um einen Aufständischen handeln könnte.
Abdullahs Schilderungen zufolge müssen die Zustände in dem ad hoc errichteten Arrestlager nahezu unerträglich gewesen sein. Nur abgestandenes Wasser gab es demnach und so gut wie kein Essen. "Wir hockten die ganze Zeit draußen im Sand und mussten selbst unsere Notdurft, die Hände blieben gefesselt, direkt neben uns verrichten."
Offiziell bestreitet die Armee zwar eine menschenunwürdige Behandlung jener Palästinenser, die sich ihr in den vergangenen Tagen in Scharen ergaben. Eingeräumt hat sie aber inzwischen, dass es über 4000 vorläufige Festnahmen gab, doppelt so viele wie zunächst angegeben. Eine solch hohe Zahl Arrestierter ordentlich unterzubringen und zu versorgen könnte die Militärs tatsächlich logistisch überfordert haben.
Damit allerdings lassen sich Übergriffe anderer Art nicht erklären. Auch wenn Hinweise auf Massaker und angebliche Massengräber unter Trümmerbergen sich bislang in der Grauzone zwischen Gerücht und durch Zeugenaussagen gestützte Vermutungen bewegen. Mohammed Subhi hatte wie 400 andere Bewohner zunächst in der Mitte des Flüchtlingslagers Schutz gesucht, wodurch er mit seiner Familie aber letztlich in die besonders brutal umkämpfte Zone geriet. Er schildert, was er beim Verlassen des Camps beobachtete: Armeebulldozer, die den Supermarkt einrissen, während Verwundete am Straßenrand saßen und Leichen herumlagen. Andere Palästinenser berichten, dass die Soldaten ihnen nach dem Abführen Geld, Uhren und Eheringe weggenommen hätten.
Der 41-jährige Omar Howaschin hat am Ringfinger und Armgelenk weiße Hautringe. "Sie haben mir alles gestohlen." Mit dem Verlust seines persönlichen Besitzes kann er sich abfinden, mit dem Tod seines 13 Jahre alten Sohnes Mohammed nicht. Seine Frau hatte eine Kusine ins Krankenhaus begleitet, die unbedingt Abschied von ihrem eigenen Sohn nehmen wollte, eines in den ersten Stunden der Offensive gefallenen Kämpfers. Mohammed war nicht mehr im Haus zu halten und rannte hinterher. Kurz vor dem Hospital streckte ihn ein Schuss in die Brust nieder, ein zweiter traf ihn am Kopf, als ein Helfer Anstalten machte, den schwer Verwundeten in die Notaufnahme zu ziehen.
"Meine Verwandten haben mich zu Hause zwingen müssen, dass ich nicht auch hinlief", sagt der Vater. "Jetzt weiß ich nicht mal, ob sie Mohammed bestatten konnten oder ob seine Leiche noch im Kühlschrank liegt." Nur in einem Punkt lässt Omar Howaschin keinen Zweifel. "Die Israelis werden unseren Widerstand nicht brechen. Wenn nicht meine Generation, dann wird die nächste unseren Kampf fortführen. Mein zweiter jüngerer Sohn wird mit dem Wunsch heranwachsen, den Tod seines Bruders zu vergelten."
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Erscheinungsdatum 13.04.2002