| junge Welt vom 18.04.2002 |
| Israels Offensive im Westjordanland: Was geschah im Flüchtlingslager Dschenin? |
| jW sprach mit Dianne Luping von der Organisation Anwälte ohne Grenzen. Die Britin hält sich zur Zeit in Dschenin, Palästina, auf |
| Interview: Wolfgang Pomrehn |
| F: Welche Informationen haben Sie über Menschenrechtsverletzungen in Dschenin?
Ich war etwa vier Tage in der Gegend um Dschenin. Zur Zeit bin ich mit einigen anderen Menschenrechtsanwälten dort im Krankenhaus. Wir waren in der Lage, einige sehr konsistente Aussagen von verschiedensten Augenzeugen zu sammeln. Sie haben ausgesagt, daß es in den ersten zwei Tagen nach dem Vorstoß ziemlich starken Widerstand aus dem Lager gegeben hat. Am Anfang waren die Panzer nicht in der Lage, weiter vorzudringen. Sie haben daher damit begonnen, das Lager aus Hubschraubern und mit Raketen zu beschießen. Erst danach konnten die Panzer und Bodentruppen in das Lager eindringen. Verschiedene Augenzeugen bestätigen, daß auch Militär-Bulldozer in das Lager gebracht wurden, mit denen man Wohnhäuser zerstörte. Es gibt glaubwürdige Belege, daß vorher keine Aufforderung zur Evakuierung gegeben wurde. Die Wohnungen wurden einfach nur zerstört. F: Waren noch Menschen darin? In einigen Fällen waren noch Menschen in den Wohnungen. Sie starben, als Bulldozer sie niederwalzten. Andere Augenzeugen sagen aus, daß Familien geflohen sind, als die Bulldozer vordrangen; dann wurde aber beobachtet, wie diese Menschen aus Hubschraubern oder von Scharfschützen erschossen wurden. Einige bezeugen, daß eine ganze Familie bei dem Versuch, aus ihrem Haus zu fliehen, von Hubschraubern verfolgt und mit schwerer Munition beschossen wurde. Andere Augenzeugen haben Leichen im Schutt der Häuser liegen sehen. F: Es gab Berichte über ein Massaker in Dschenin. Können Sie das bestätigen? Eine große Anzahl Zivilisten ist getötet worden, auch in Situationen, in denen von ihnen keine Gefahr ausging. Nach unseren Informationen sind Hunderte Menschen getötet worden. Im Moment werden mindestens 8000 Flüchtlinge vermißt. Die Zahlen könnten also möglicherweise in die Tausende gehen. Es ist zu früh, um das zum jetzigen Zeitpunkt bestätigen zu können. F: Wie viele Menschen leben im Lager? Die offiziellen Informationen der Israelis besagen, daß 13500 Personen in dem Lager waren. Aber während des Vorstoßes sind einige Leute aus der Stadt Dschenin in das Lager geflohen, weil der Angriff in der Stadt begonnen hat. Also sind zusätzlich zu den getöteten Flüchtlingen aus dem Lager selbst auch Menschen aus der Stadt und den umliegenden Dörfern, die im Lager Schutz gesucht haben, erwischt worden. Die Anzahl der Vermißten könnte tatsächlich also noch größer sein. F: Haben Sie Informationen über den Zugang von Krankenwagen und Ärzten zu den Verletzten? Ja, und zwar nicht nur aus zweiter Hand. Wir haben selbst anderthalb Tage warten müssen, um Zugang zum Krankenhaus zu bekommen. Wir haben gesehen, daß Krankenwagen nicht durchgekommen sind, wie sie aufgehalten oder weggeschickt wurden. Gerade heute morgen haben wir erlebt, wie eine schwangere Frau gezwungen wurde, aus einem Krankenwagen auszusteigen und einen Checkpoint zu passieren. Erst nachdem wir darauf bestanden haben, wurde ihr erlaubt, einen Rollstuhl zu benutzen. |
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