| »Besatzung ist der Terror«
Fortschrittliche jüdische Organisationen protestieren weltweit gegen Politik der israelischen Regierung |
| Peter Nowak, junge Welt vom 04.04.2002 |
| Die Bilder gingen um die Welt. Mitglieder einer rechten jüdischen Jugendorganisation attackierten am Dienstag nachmittag auf dem Pariser Flughafen Orly linke Globalisierungskritiker. Die warteten auf die Rückkehr José Boves. Der französische Bauernführer, bekannt durch spektakuläre Aktionen gegen die Mächtigen der Welt, war nach einer Solidaritätsaktion mit dem palästinensischen Präsidenten Yassir Arafat in Ramallah von den israelischen Behörden verhaftet und abgeschoben worden.
Doch wenn jüdische Menschen gegen die Politik der israelischen Regierung protestieren, sind selten Kameras zu sehen. Seit der neuerlichen Besetzung der palästinensischen Gebiete organisierten verschiedene israelische Friedens- und Menschenrechtsgruppen täglich Antikriegsaktionen. Die binationale Gruppe Taayush (Zusammenleben) beläßt es nicht bei symbolischen Aktionen. Über Internet ruft sie zu einer Karawane in die besetzten Gebiete auf. »Was passiert genau hinter dem Kalandia-Checkpoint?« hieß das Motto der Aktion am Mittwoch. Die aus jüdischen und palästinensischen Aktivisten bestehende Gruppe wollte sich über die Situation der vom israelischen Militär eingeschlossenen Zivilbevölkerung in den palästinensischen Gebieten informieren sowie Medikamente und Lebensmittel zu den verzweifelten Menschen transportieren. Die Taayush-Aktivisten rechneten damit, während der Aktion festgenommen oder verletzt zu werden. Tatsächlich setzten israelische Sicherheitskräfte Knüppel und Tränengas am Kalanda-Checkpoint ein. Schon in der Vergangenheit wurden einige der Menschenrechtler von Passanten tätlich angegriffen, als sie in Tel Aviv Geld für die Karawane gesammelt haben. Doch das ist für sie kein Grund zur Aufgabe: »Unsere Zusammenarbeit kann zum Modell für die ganze Region werden«, erklärte Taayush-Aktivistin Ros Amir. Die Friedenskämpfer sind auch in Israel nicht allein. Der israelische Filmemacher Avi Mograbi machte in einem Zeitungsartikel die Politik des israelischen Ministerpräsidenten Ariel Scharon für die Lage im Nahen Osten verantwortlich. »Es ist verrückt, aber niemand erwähnt noch, daß die Siedlungen in den besetzten Gebieten selbst Kriegsverbrechen sind. Nach der vierten Genfer Konvention, Artikel 49, dürfen durch die Besatzermacht Zivilisten nicht vertrieben oder deportiert und keine eigene Zivilbevölkerung angesiedelt werden«, schreibt Mograbi, dessen Film »August« auf der letzten Berlinale prämiert wurde. Mit einer spektakulären Aktion hat eine Gruppe antizionistischer Rabbiner während des jüdischen Purimfestes, das mit den Osterfeiertagen zusammenfällt, gegen die israelische Politik protestiert. In mehreren europäischen, US-amerikanischen und israelischen Städten verbrannten die Rabbiner israelische Flaggen. »Mit dem Verbrennen der Fahnen machen wir öffentlich deutlich, daß der israelische Staat die jüdischen Menschen in aller Welt nicht repräsentiert und die Unterdrückung der palästinensischen Bevölkerung dem Grundgedanken der jüdischen Religion total widerspricht«, erklärte Rabbi Yisroel Dovid Weiss. Diese von religiösen Motiven getragene Aktion ist vielen säkularen Israelis fremd. Sie setzen sich für einen binationalen Staat im Nahen Osten ein. Politische Beobachter sehen die Zustimmung zur israelischen Politik bei den jüdischen Gemeinden in aller Welt im Schwinden. Doch viele Juden schrecken vor konkreten Aktivitäten zurück. Dazu tragen sicher auch antisemitische Aktionen bei, die im Windschatten der zugespitzten Lage im Nahen Osten zugenommen haben. Gerade Brandanschläge auf Synagogen, wie in den letzten Tagen in Frankreich und Belgien, treffen besonders die Juden, die sich für eine Integration in ihren Heimatländern einsetzen. Rechte Kreise der Jüdischen Gemeinde hingegen fühlen sich dadurch in ihrer Ansicht bestätigt, daß Juden nur in einem starken Israel sicher leben können. Ein Glaube, der gerade in diesen Tagen im Nahen Osten wieder einmal gründlich widerlegt wird. |
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